CIAO

Nachdem die (Kuschel-)bären in alle Herren Länder abgewandert sind, ist der Berliner Alltag gemächlicher geworden. Der schnelle Herzschlag der Stadt scheint schon ein paar Frequenzen auszulassen, seitdem die Berlinale-Touristen und Filmleute abgereist sind. Irgendwie besänftigt mich der Gedanke, dass es auf der Sommerberlinale ein Wiedersehen mit dem Bär auf der Leinwand geben wird. Die Gewissheit einer befristeten EntBÄRung ist doch ein tröstliches Gefühl!

Jeff aus dem Film CIAO kann sich hingegen nicht auf ein Wiedersehen mit seinem besten Freund Mark (Chuck Blaum) freuen, da dieser bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen ist. Alles, was ihm von Mark geblieben ist, sind die Erinnerungen, seine Hinterlassenschaft und die unzähligen E-Mails, die in seinem Postfach lagern. Sein langjähriger virtueller Flirt, der Italiener Andrea, wollte ihn übers Wochenende besuchen kommen und hat das Flugticket bereits gekauft. Es sollte ihre erste Begegnung offline werden. Andrea folgt Jeffs Einladung, trotzdem zu kommen. Durch ihre Gefühle für den verstorbenen Freund kommen sich zwei Fremde langsam näher…

Foto: © PRO-FUN MEDIA

Regisseur Yen Tan (HAPPY BIRTHDAY 2002, DEADROOM 2005) und sein Kameramann Michael Roy sind wahre Kadrierungskünstler. Jede einzelne Einstellung scheint genau durchdacht und zentimetergenau bemessen. Auch der Einfall von Licht und Beschattung sind keine Zufallsexperimente. Selten sieht man eine derartig akkurate Kalkulation der Bildgestaltung bei Filmemachern dieser Generation (Yen Tan ist 1975 geboren). Aber nicht nur in puncto Mise en scène war der gebürtige Malaye sehr eigenwillig. Er setzt auf Ausdruck, nicht Action. Wenn man bedenkt, dass seine beiden Protagonisten keine große Schauspielerfahrung haben, ist das durchaus riskant, da die Akteure in ihrem mimischen Ausdrucksvermögen stark gefordert sind. Adam Neal Smith als Jeff und Alessandro Calza als Andrea haben diese Herausforderung gemeistert, aber über derartig lange Dialogstrecken, wie es bei dem gemeinsamen Abendessen der Fall ist, können sie die Spannung nicht halten. Zumal es sich bei den Gesprächen nicht um Wortduelle oder dem Versuch, dem Gesprächspartner Geständnisse oder andere Geheimnisse zu entlocken, handelt. Auch Alternationen von Schuss-Gegenschuss-Einstellungen über längere Strecken ermüden das Auge und führen letztendlich zu Langeweile. In Bezug dessen wendet sich der von Yen Tan heraufbeschworene Minimalismus gegen sich selbst. Ausschließlich statische Kamera, sparsame Verwendung von Musik und kaum Handlung ist zu wenig an Eindrücken und Reizen für einen abendfüllenden Spielfilm.

Foto: © PRO-FUN MEDIA

Zugute halten muss man dem Regisseur, dass er die melancholische Stimmung angesichts der Trauer von Anfang bis Ende durchgehalten hat und sich auch nicht gängiger kultureller Klischees bedient (bspw. der Mythos vom italienischen Gemüt mit seiner Lebensfreude und Leichtigkeit. Der Besuch Andreas verwandelt die Tragödie nicht in eine Komödie). Bei der Wahl seiner Schauspieler setzte Tan auf Charakterköpfe anstatt genormten Idealbildern hinterher zu jagen.

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Mit seinen meditativen Bildern in Kombination mit den statischen Einstellungen, den langen Dialogsequenzen ist CIAO ein ruhiger und schlichter Film mit einem hohen bildästhetischen Anspruch. Er zielt auf die Sensibilität der Zuschauer ab und ist primär für jene geeignet, die sich auch fürs Theater begeistern können.

Foto: © PRO-FUN MEDIA

° Originaltitel: Ciao

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 2008

° Regie: Yen Tan

° Darsteller: Adam Neal Smith, Alessandro Calza, Ethel Lung, Chuck Blaum

° Drehbuch: Alessandro Calza, Yen Tan

° Produktion: Jim McMahon

° Kamera: Michael Roy

° Musik: Stephan Altman

° Schnitt: David Lowery

° DVD VÖ: 21.01.2010

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