11 MEN OUT

Das Kombinationsspiel von Homosexualität und dem beliebten Mannschaftssport hat schon genügend Stoff für die eine oder andere Fußball-Klamotte geliefert. Jenseits der Fiktion bewegen wir uns noch immer in einer Grauzone zwischen Groteske, Drama und Trash. Werder-Keeper Tim Wiese wird aus „Selbstschutz“ nie wieder in Rosa im Tor stehen, Stürmerstar Zlatan Ibrahimović wehrt sich wegen eines Schnappschusses, das ihn und Gerard Piqué in zärtlicher Pose zeigt, gegen Gerüchte und will einer Journalistin und deren Schwester beweisen, dass er keine „Schwuchtel“ ist. Der 71-Jährige Co-Trainer der Argentinischen Nationalmannschaft Carlos Salvador Bilardo stellt zum WM-Auftakt seinen Torjägern gleich ein besonderes Los in Aussicht. Er werde sich von dem Spieler, der Argentinien zum Weltmeister schießt, von hinten nehmen lassen, zitiert ihn der Tagesspiegel. Ob diese Aussicht Argentiniens Offensivspieler in ihrem Angriff hemmt? Der slowakische Fußballnationaltrainer Vladimir Weiss wirft auf einer Pressekonferenz Journalisten homophobe Schimpfwörter an den Kopf. Da möchte man doch lieber in Deckung gehen und sich in die Fiktion flüchten.

„Fußball mag ein Spiel für harte Mädchen sein, aber kaum geeignet für zarte Jungs.“, so Oscar Wilde seinerzeit. Ottar Thor (Björn Hlynur Haraldsson) aus Róbert I. Douglas’ Drama ELEVEN MEN OUT von 2005 ist jedenfalls einer von den harten Jungs. Sein erster Ballkontakt in einem wichtigen Spiel führt ihn in den Film ein, als er einen Elfmeter mit voller Wucht in das Tor der Gegner donnert. Als Profi-Stürmer des isländischen Erstligisten KR Reykjavik fühlt er sich wohl wie „Becks on Ice“ und ist folglich nicht frei von Starallüren. So wie sein Leben sich um den Ball dreht, soll sich die Welt auch um ihn drehen. Aus diesem Grund kann er auch einen Artikel über sich auf der vorletzten Seite von “Manlife” nicht dulden. Vor fünf Jahren scheint sich das Fußballfieber in dem Inselstaat noch nicht ausgebreitet zu haben, denn die Journalistin begründet die Entscheidung des Magazin-Herausgebers mit Mangel an kulturellem Interesse. Ottar geht in die Offensive und verkündet kurzerhand, dass er schwul ist. Sein Coming-out vor versammelter Mannschaft bringt sein Gesicht dann doch noch auf die Titelseite. Die Konsequenzen hat er in seiner Selbstgefälligkeit natürlich nicht bedacht. Die erzwungene Schlagzeile wird zum Schicksalsschlag, als sich herausstellt, dass sein Outing keine Schwalbe war: der Verein setzt ihn kurzerhand vor die Tür, er und seine Familie sind fortan dem Spott der Leute ausgesetzt. Abgesehen von seiner trunksüchtigen Ex-Frau und einstige Miss Island Gugga (Lilja Nótt), die nicht viel davon mitkriegt, was um sie herum geschieht, sind sein Vater, der gleichzeitig Trainer der Mannschaft ist und sein 13-jähriger Sohn Magnus (Arnmundur Ernst Björnsson) Opfer von Hänseleien. Als Ottar auf den Vorschlag seines Freundes Pétur (Helgi Björnsson) in einen Amateurverein wechselt, stellt sich heraus, dass er mitnichten der einzige schwule Fußballer des Landes ist…

Foto: © Edition Salzgeber

Róbert I. Douglas grenzt sich mit seiner milieukritischen Grundhaltung deutlich von Fußball-Komödien im Stil von MÄNNER WIE WIR ab. Klamauk und Satire werden von realitätsnaher Tragik ins Abseits gedrängt. Das liegt auch daran, dass die zentrale Figur mit einer scheinbar heterosexuell gelebten Vergangenheit inklusive Sohn und Ex-Frau eine komplizierte Ausgangslage für sein Coming-out hat. Zwar vergehen einige Filmminuten, bevor man die Beziehung der einzelnen Figuren durchschaut hat, doch im Ansatz hat dies Róbert I. Douglas sehr glaubwürdig ausgearbeitet. Inkonsequent wird Ottars Handeln erst dann, als er seine sexuelle Beziehung mit einem Spielerkollegen vor seinem krisengebeutelten Teenagersohn hemmungslos auslebt und vor lauter Ungezügeltheit sogar vergisst, beim Sex die Tür zu verriegeln, dann aber wiederum von seinem Partner verlassen wird, weil sein Freizeitprogramm aus langweiligen Themenabenden vor dem Fernseher besteht.

Foto: © Edition Salzgeber

Douglas konnte leider trotz seines Problembewusstseins nicht auf die Einarbeitung typischer Klischees verzichten. Er tut das mit einer nahezu aufdringlichen Redundanz, die auch in Bezug auf Geschlechterhierarchien unnötig erscheint. Wenn Óttars Bruder Orri (Jón Atli Jónason) seiner Freundin ständig mit „Halt die Klappe, Bitch“ das Wort verbietet, sitzt selbst der unbeteiligte Dritte mit geballter Faust vor dem Bildschirm.

Interessant ist die Art und Weise, wie der Regisseur die schwulen Spieler ins Bild rückt. Er reduziert sie nämlich auf das reine Posing, lässt sie niemals auf dem Spielfeld agieren. Ihr Handlungsspielraum ist primär auf das Aushandeln von Punkten für abgesagte Spiele, im Duschen und Diskutieren beschränkt. Bei dem wichtigen Zweikampf der mittlerweile homogen schwulen Mannschaft „Pride United Reykjavík“ gegen Ottars Ex-Kickerverein KR lässt er die Kamera in der Kabine und verärgert sein Publikum mit einem langen statischen Blick auf leere Bänke und Kleiderberge. Weder in Bezug auf sportliche Leistungen, noch auf die Akzeptanz schwuler Fußballspieler im Team gibt es signifikante Erfolge zu verzeichnen, so dass der Film keine hoffnungsfrohe Perspektive bietet. Die heterosexuellen Spieler verlassen nach und nach das Team. Anstatt eines erhofften Miteinanders kommt es zu Segregation und Konfrontation, an deren Ende ein Match homo- gegen heterosexuell ansteht. Dazu kann es überhaupt nur kommen, weil zuvor in alter Manier gefeilscht wurde: spielt der angesagte Club gegen die Homo-Mannschaft kehrt Ottar ins KR-Team zurück, das ihn bis auf einen Spieler schneidet. Das Zusammenspiel kann ja heiter werden!

Bis auf wenige Situationen gelingt es Róbert I. Douglas nicht, jene schwarzkomische Lakonie in der Manier des skandinavischen Regiekollegen Aki Kaurismäki hervorzurufen, so dass man für einen Vergleich des Inszenierungsstils nur Douglas Landsmann Baltasar Kormákur mit 101 REYKJAVÍK aus dem Jahr 2000 heranziehen kann. Dort sind die Protagonisten gleichermaßen unliebsam, der Handlungsverlauf tempoarm und die Stimmung trist – eine Eigenart isländischer Filmemacher vielleicht. Was wir brauchen, ist ein Regenbogen-Märchen.

Cover: © Edition Salzgeber

° Originaltitel: Strákarnir okkar

° Englischer Titel: 11 Men Out

° Produktionsländer: Island, Finnland, UK

° Produktionsjahr: 2005

° Regie: Róbert I. Douglas

° Darsteller: Björn Hlynur Haraldsson, Helgi Björnsson, Arnmundur Ernst Björnsson, Lilja Nótt Þórarinsdóttir, Sigurður Skúlason, Lilja Guðrún Jónsdóttir, Jón Atli Jónason, Björk Jakobsdóttir

° Drehbuch: Róbert I. Douglas

° Produktion: Júlíus Kemp, Ingvar Þórðarson

° Kamera: Magni Ágústsson

° Musik: Barði Jóhannsson, Mínus

° Schnitt: Ásta Briem, Róbert I. Douglas

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